Wieso reist Angela Merkel jetzt nach Ankara und trifft sich mit dem türkischen Staatspräsidenten? Ist das nicht inzwischen ein lupenreiner Autokrat?

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Merkel soll die Einhaltung von Menschenrechten in der Türkei anmahnen! Merkel soll Klartext reden, öffentlich! Merkel soll in Ankara Druck machen! Merkel soll mit dem rüpelhaften Diktator Erdogan gar nicht reden, sonst verrate sie die Demokraten am Bosporus! Solche Mahnungen und Ratschläge werden seit Jahren bei jedem offiziellen deutsch-türkischen Kontakt vielfach wiederholt

Bekanntlich gibt es umgekehrt nicht weniger Vorwürfe: Berlin und Brüssel unterstützen den Terror, mischen sich in innertürkische Angelegenheiten ein, halten sich nicht an Absprachen usw. usw. Die Atmosphäre ist vergiftet. Die EU – Beitrittspartnerschaft ist in dieser Lage kein Thema. Worum geht es dann?

Es geht um das Kriegsgebiet Naher- und Mittlerer Osten

Was wenn der IS mal besiegt sein sollte? Haben sich dann alle IS Terroristen in Luft aufgelöst? Wieviel hundert sog. Kämpfer hat der IS allein aus Deutschland in seinen Reihen? Wo werden die hingehen? Viele sicher nach Deutschland – und viele dabei über die Türkei. Kann man das verhindern? Wie? Ist dabei nicht die Zusammenarbeit mit Ankara elementar?

Sind Syrien und der Irak in der Zeit nach dem IS stabile Staaten? Bekanntlich haben alle in der Region, Katar, Saudi-Arabien, Iran, Türkei, ihre eigenen Milizen ausgerüstet und aufgerüstet, und gegeneinander in Stellung gebracht. Wird dann nicht der Machtkampf weitergehen – nur eben ohne IS? Was, wenn der Konflikt zwischen dem Iran und Saudi-Arabien noch schärfer wird, als er sowieso schon ist? Was, wenn deren Milizen noch offener als bisher im Irak und Syrien aufeinander losgehen? Bekanntlich konnte der sog Islamische Staat erst mit dem Zerfall des Irak und Syriens zur stärksten Dschihadisten-Macht in der Region werden.

Was wenn dann erneut Hunderttausende fliehen? Sollten die EU und die NATO nicht wenigstens bei der Schaffung einer „Sicherheitszone“ in Syrien zusammenarbeiten? Im Augenblick aber streiten sich deutsche und türkische Militärs. Die Armee Ankaras bereitet im Norden Syriens bereits den Aufbau einer de facto Sicherheitszone vor – und sie beklagt sich über Berlin: Sie hätte keinen „ungefilterten“ Zugang zu den Informationen, die die Tornados der Bundeswehr bei ihren Aufklärungsflügen sammeln. Kann sich die NATO den Rückzug der Türkei aus dem Verteidigungsbündnis leisten?

Was, wenn sich alle türkischen Hoffnungen auf eine neue Ära Donald Trump (siehe auch Artikel – Außenpolitik: „Amis raus aus der Türkei“?) nicht erfüllen. Nicht nur Ankara, auch alle außenpolitischen Gegner der Türkei haben den Wahlsieg Donald Trumps begrüßt (Bagdad, Damaskus, Kairo).

Was, wenn sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran zuspitzt, weil Donald Trump im Test der iranischen Mittelstreckenrakete vor zwei Tagen als einen Bruch des Atomabkommens behandelt? Bekanntlich hält Donald Trump sowieso nichts von diesem Abkommen. Was wenn die neue Männerfreundschaft zwischen Donald und Vladimir (Putin) nicht zur Beilegung dieses Konfliktes führt, sondern die beiden Alphatiere deshalb aufeinanderprallen? Was, wenn die iranischen Milizen dann auch offen Israel angreifen?
Auch bei diesen Konflikten ist die Türkei ein „Frontstaat“.

Was, wenn das Land am Bosporus im Laufe des Jahres 2017 in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzt? Alle Anzeichen sprechen dafür. Stürzt die Türkei dann ins Chaos? Was heißt das für die europäische Wirtschaft? Was für die rund 6 700 ‚deutschen Betriebe’ am Bosporus?

Natürlich ist Tayyip Erdogan auf der Zielgerade bei seinem Weg zu einem Autokraten. Wird der umstrittene Verfassungsentwurf bei einem Referendum Anfang April angenommen, dann ist das Land am Bosporus ein Staat, der eher Ägypten ähnelt oder Jordanien oder einem anderen autokratisch regierten Land im Mittleren Osten. Viele in der Türkei befürchten: Dann wird Tayyip Erdogan zeitlebens Alleinherrscher in Ankara bleiben. Das wird die Entwicklung der Demokratie in der Türkei um Jahrzehnte zurückwerfen. Nur: An den o.g. Problemen ändert sich dadurch aber nichts.

Wer auch immer in Deutschland regiert, wer auch immer in Ankara regiert: Deutschland, die EU und die Türkei werden sich über diese Fragen verständigen müssen. Und das sind nur einige Fragen einer langen Liste, die zwischen beiden Seiten „abgearbeitet“ werden muss. Wenn man mit einem Massenmörder Assad verhandelt, wieso dann nicht mit Erdogan? Merkels Alptraum könnte auch sein: In der Türkei bricht das Chaos aus, Tayyip Erdogan stürzt, ohne dass eine Alternative in Sicht ist – und direkt an der Grenze zu den schwachen EU Staaten Griechenland, Rumänien und Bulgarien gehen Dschihadisten in Stellung – während Israel den Iran bombardiert.

Auf dem Pressetermin mit Tayyip Erdogan sprach Angela Merkel vor allem über Menschenrechte und Demokratie in der Türkei. Das zeigt, die Bundeskanzlerin weiß, was man in Deutschland hören will. Immerhin hat inzwischen dort der Wahlkampf begonnen. Ob beim Staatsbesuch aber vor allem darüber gesprochen wurde, ist eine andere Frage. (aktualisiert 2.2.)