Der Luftwaffenstützpunkt Incirlik in der Türkei – die deutschen Soldaten ziehen ab. Ist Incirlik eine Militärbasis wie jede andere ?

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Die Welt sieht offenbar ganz anders aus, wenn man vom Bosporus drauf schaut.

Der türkische Staatspräsident sagt, er „wünsche sich eine kritische Jugend“, während selbst Kinder wegen kritischer Meinungen im Internet verhaftet werden. Die Türkei habe die „freieste Presse der Welt“, meinte er auch - oder: „An den Universitäten kann alles frei diskutiert werden“ ... während tausende Akademiker gefeuert wurden und einige sich gerade aus Protest dagegen und für die Meinungsfreiheit zu Tode hungern.

In Sachen Luftwaffenstützpunkt Incirlik ist das nicht anders.

Zunächst erklären der Außenminister und der Regierungschef: Wenn die Deutschen abziehen wollen, dann sollen sie doch! – und die regierungsnahe Presse meint: Die Drohung der Deutschen mit dem Abzug ist nur ein Bluff – und wenn: „Diese Soldaten können leicht durch andere NATO-Truppen ersetzt werden.“

Jetzt schimpft der türkische Außenminister: Die Berliner Entscheidung, aus Incirlik abzuziehen – reiße einen Graben auf zwischen NATO Mitgliedern. Und die regierungnahe Presse kommentiert inzwischen: Deutschland zieht aus Incirlik ab, weil es eingesehen hat, es kann die Türkei nicht einfach so steuern, wie es will. Vielleicht hätten die deutschen Soldaten auf Incirlik ja nicht nur den IS sondern auch noch „was anderes“ überwacht. Das „strategische Interesse“ Berlins in der Region sei ganz unklar.

Wer kann wann wie den Luftwaffenstützpunkt Incirlik nahe der Grenze zu Syrien, Irak und Iran nutzen? Seit die Partei Tayyip Erdogans, die AKP, die Regierung in Ankara übernommen hat, ist das häufiger umstritten als zuvor.

Schon 1943 nutzten die Amerikaner Incirlik auf dem Weg in den Mittleren Osten und nach Afrika für Kampf- und Transportflugzeuge als Zwischenstopp, zum Tanken und Umladen von Kriegsgütern.

Schon damals hatte das US Militär bei Adana, nahe Incirlik, an einem geheimen Horchposten für die Region gebaut.

1949, nachdem die Sowjetunion ihre erste Atombombe gezündet hatte, beginnen die Verhandlungen zwischen Ankara und Washington über den Bau eines besonderen Stützpunktes für das US Militär bei Incirlik. Zwei Jahre später schließen beide Staaten darüber ein Abkommen . Im gleichen Jahr, 1951, beginnen die Bauarbeiten.

Drei Jahre wird am Stützpunkt Incirlik gebaut. Da wird also mehr als eine Start- und Landebahn für Flugzeuge planiert und ein Tower aufgestellt. 1954 werden die ersten amerikanischen Soldaten offiziell in Incirlik stationiert. Ankara umwirbt Washington, denn die Türkei will unbedingt Mitglied der NATO werden. Die Luftwaffenbasis wird bis 1975 zu einem der wichtigsten Außenposten der US Armee im Kalten Krieg an der Südflanke zur Sowjetunion.

Bis 1975 aber, mit der Besetzung Zyperns durch das türkische Militär, kommt es zum Streit. Washington liefert keine Waffen mehr an die Türkei. Die türkische Regierung beschließt, den Stützpunkt für die US Armee zu schließen.

Doch soweit kommt es dann doch nicht. Washington will Incirlik auf keinen Fall aufgeben - und verspricht zunächst Geld, 1,3 Mrd US Dollar. 1978 wird dann auch das Waffenembargo gegen die Türkei wieder aufgehoben. Der Rauswurf aus Incirlik ist damit vom Tisch.

Auch nach dem Kalten Krieg bleibt Incirlik eine wichtige Kommandozentrale des US Militärs in der Region. 1990, bei der Vorbereitung und bei der Durchführung des Krieges gegen Saddam Husseins ist Incirlik ein entscheidender Befehlsstand.

2002, übernimmt die Partei Tayyip Erdogans, die AKP, die Regierung in Ankara.

2003 verweigert das türkische Parlament einer Allianz unter Führung der USA, türkisches Territorium im Krieg gegen Saddam Hussein zu nutzen. Seither sei das Vertrauen Washingtons in die Zuverlässigkeit des türkischen Partners erschüttert, so der ehemalige Botschafter Washingtons in Ankara, Ross Wilson im Mai dieses Jahres.

Seither veröffentlich die türkische Presse immer wieder argwöhnische und ablehnende Artikel über das US Militär auf Incirlik. Umfragen werden in Auftrag gegeben – und das Ergebnis ist immer das gleiche: Die übergroße Mehrheit der Befragten hält die USA eher für einen Feind der Türkei als für einen Verbündeten.

2006 tauchen dann Berichte auf, Washington habe 90 Atomsprengköpfe auf Incirlik gelagert und die der AKP Regierung nahestehende Organisation MAZLUMDER fordert zum ersten Mal die Schließung des Stützpunktes für die US Streitkräfte.

Dann werden die Amerikaner beschuldigt, von Incirlik aus Israel mit Waffen zu versorgen. 2007 erklärt der damalige türkische Aussenminister Abdullah Gül, sein Land werde den USA keinen Militärstützpunkt für einen Angriff auf den Iran zur Verfügung stelle.

Nur wenige Monate später kann man am Bosporus lesen, Incirlik werde von der CIA als geheimes Gefängnis und Folterstation genutzt und es gebe regelmäßig Flüge zwischen Incirlik und Guantanamo.

2008 veröffentlich das Pentagon erstmals Zahlen: Danach seien innerhalb eines Jahres vom Stützpunkt Incirlik aus für den Einsatz der US Armee im Irak 30.000 Soldaten und 162 tausend Tonnen Fracht transportiert worden.

Im gleichen Jahr bildet sich eine Aktionseinheit aus linken Organisationen, Gewerkschaften und Künstlern. Noch sind sich Linksliberale und die AKP Anhänger einig: Sie demonstrieren im März in Istanbul unter der Losung „Amis raus aus Incirlik“. Die Tageszeitung Milliyet schreibt 2009, das US Militär habe bis 1996 Atomsprengköpfe auch auf dem Stützpunkt Baliksehir im Westen der Türkei gelagert. Schließlich seien alle nach Incirlik verlegt worden. Weder von den USA noch von der NATO gab es dazu je eine offizielle Stellungnahme.

2011 eröffneten 3 Armenier in Kalifornien einen Schadensersatz-Prozess gegen die Türkei. Der Grund und Boden auf dem der Militärstützpunkt Incirlik errichtet wurde, gehöre ihnen. Der türkische Staat habe dieses Grundstück ihren Vorfahren widerrechtlich weggenommen. Washington zeigt sich auf der Seite Ankaras – von dem Prozess ist danach nichts mehr zu hören.

2012 berichtet das Wallstreet Journal, die Obama Regierung wolle einen neuen Militärstützpunkt in der Türkei bauen. Das Pentagon dementiert umgehend: Es gebe mit der Türkei keine Verhandlungen über die Stationierung zusätzlicher US Truppen.

2014 klagt der damalige Stellvertreter des US Präsidenten, Joe Biden, Incirlik sei für die USA und ihre Verbündeten im Kampf gegen den IS nur „eingeschränkt“ nutzbar. Washington und Ankara sind sich schon damals über das Vorgehen im Krieg in Syrien nicht einig. Die türkische Regierung will im Norden Syriens eine safe-zone einrichten, die auch von Incirlik aus kontrolliert werden soll. Die US Armee will auf Incirlik syrische Rebellen für den Einsatz im Bürgerkrieg ausbilden. Es kommt zu keiner Einigung.

Am 22. Juli 2015 wird aber trotzdem die militärische Zusammenarbeit zwischen den USA und der Türkei in einem neuen Abkommen bekräftigt. Seit dem Sommer 2015 haben die USA dort auch bewaffnete Drohnen stationiert.

Für die US Armee wäre ein „Umzug“ von Incirlik alles andere als problemlos, insbesondere wenn dort auch atomare Sprengköpfe gelagert sind. Für Vladimir Putin wäre der Abzug der Amerikaner aus Incirlik mehr als nur ein taktischer Sieg. Nicht umsonst hat er gerade dem amerikanischen Regisseur Oliver Stone in einem Interview „enthüllt“, er halte es für ausgeschlossen, dass die amerikanischen Militärs auf Incirlik nicht schon vorher Informationen über den Putschversuch in der Türkei letzten Jahres hatten. Trotzdem: Solange Ankara Mitglied der NATO bleiben will, wird die Nutzung des Luftwaffenstützpunktes zwar weiter umstritten bleiben, aber grundsätzlich wohl nicht infrage gestellt werden.