Istanbul !! Ja, da wollte ich auch schon lange mal hin! – sagen viele. Warum eigentlich? Istanbul ist teuer, laut, dreckig und versinkt im Verkehrschaos. Doch all das kann dem Ruf Istanbuls nichts anhaben. Istanbul, sagt die türkische Dichterin Gülten Akin, ist mehr als ein Teil der Türkei. Es ist seit Jahrtausenden ein besonderer Ort dieser Welt.


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Warum eigentlich ? Wegen der Lebensqualität ? Vergiss’ es ! Zur Erholung stehen dem Einwohner von Istanbul gerade 1,5 qm Fläche zur Verfügung ( dem Einwohner von Hamburg gut 17 qm ). Die meiste Zeit verbringt der Istanbuler sowieso in einem Stau. Weht zwei Tage kein Wind am Bosporus, dann muss wegen des Smogs auch der Schiffverkehr gestoppt werden. Im grössten Wasserreservoir der Stadt wurden zum Jahreswechsel hochgiftige Substanzen gemessen. In Sachen Lebensqualität landete Istanbul vor einem Jahr nach der Zeitschrift „The Economist“ weltweit auf Platz 110 von 140. In der Disziplin „Wie teuer ist es?“ hat sich die Stadt dagegen weltweit schon auf einen guten Platz 20 hochgearbeitet. Wer als Krankenschwester oder Polizist nach Istanbul versetzt wird, wehrt sich mit Händen und Füssen, schon wegen der Mieten. Erst seit unzählige Kameras die Strassen überwachen geht der Taschendiebstahl zurück, der bis dahin alle Rekorde schlug.

All das kann aber dem Ruf Istanbuls nichts anhaben. Gerade war Istanbul europäische Kulturhauptstadt. 2012 wird es die europäische Hauptstadt des Sports sein. Der Oberbürgermeister von Istanbul, Kadir Topbas, nahm Ende November in Brüssel die offizielle Ernennung seiner Stadt entgegen. Eine Woche später wählten ihn die Delegierten eines Kongresses in Mexiko für drei Jahre zum ersten Bürgermeister von weltweit 192 Grosstädten. Dabei weiss er nicht einmal, wie viele Menschen in seiner Stadt leben.

Istanbul in die EU aufnehmen ?

Es gibt kaum ein Land, dessen Image sich derart von dem seiner grössten Stadt unterscheidet. Wer Türkei sagt, denkt an übermächtige Militärs, die Kurdenfrage, an Islamismus oder den EU-Beitritt, den keiner will - aber Istanbul? Das hat damit anscheinend überhaupt nichts zu tun. Istanbul in die EU aufnehmen ? Damit hätte er kein Problem, meinte letztes Jahr sogar der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei seinem Besuch am Bosporus.  „Istanbul ist das New York des Orient’“ hörte ich kürzlich eine Museumsdirektorin aus Washington auf einer Vernissage in Zentrum der Stadt schwärmen. „If I can make it there - I'll make it anywhere”, was Frank Sinatra über New York singt, gilt auch für die Stadt am Bosporus. Bekanntlich war der amtierenden Regierungschef in Ankara, Tayyip Erdogan, auch mal Bürgermeister in Istanbul. Wer in der Türkei erfolgreich sein will, muss erst mal hier beweisen, was er kann, ob als Politiker, als Künstler oder Unternehmer.

Istanbul war zwar schon immer das unbestrittene Zentrum der Türkei. Doch mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches war die Stadt vor allem der ehemalige Regierungssitz des gestürzten Sultans. Der Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk ernannte ein unbedeutendes Kaff in Zentralanatolien, Ankara, zur neuen Hauptstadt. Die alten Residenzen und Herrensitze am Bosporus bröselten langsam vor sich hin. Mit der Vertreibung vor allem der grossen griechischen Gemeinde in Istanbul in den 50iger und 60iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verfielen auch zahlreiche prächtige Bürgerhäuser im Zentrum der Stadt, in Beyoglu, auf der europäischen Seite. Arme aus Anatolien, die dort kein Auskommen mehr hatten, besetzten das ehemalige Stadtzentrum, weil dort sowieso keiner leben wollte.

Als ich vor rund 20 Jahren nach Istanbul kam, lag der Stadtteil Beyoglu nachts im Dunkeln. Nur wenige wagten sich nach 22 Uhr noch auf die Strasse. Selbst tagsüber verriegelten ängstliche Taxifahrer die Türen ihrer Fahrzeuge, wenn sie bestimme Straßenzüge passierten. Es gab keine Galerien, nur ein paar Kinos mit durchgesessenen Polstern und Filmen auf dem Niveau des deutschsprachigen Quatschkinos der 60iger Jahre.

Nichts bleibt wie es war

Kaum eine Stadt auf der Welt hat sich mit dem Fall des Eisernen Vorhangs derart geändert, wie Istanbul – vielleicht noch Berlin, wenn auch in kleinerem Maßstab. Mit der Öffnung der Grenzen rund um die Türkei öffnete sich auch die Stadt.

Während die Politiker im alten Europa mit dem Slogan warben: „Alles soll so bleiben, wie es ist!“ – blieb in Istanbul nichts wie es war. Eine rissige Fassade nach der anderen verschwand hinter einem Gerüst. Läden, die Schirmmützen und billige Socken verkauften wichen Geschäften für Sportartikel, Antiquitäten und Natur-Kost. Die Stadtverwaltung entsorgte die zahllosen Müllberge, Strassenlampen wurden einbetoniert. Überall sah man Schilder: Wohnung und Haus zu verkaufen! In dem Haus in Beyoglu, in dem ich wohne, wurden in den letzten 10 Jahren von 14 Wohnungen 9 verkauft, und so geschah es überall, vor allem im Stadtzentrum. Allein 2009 wechselten fast 250.000 Wohnungen in der Stadt den Besitzer. Die Mieten stiegen in den letzten 9 Jahren in Istanbul um das 7 bis 20(!) fache, errechnete der Unabhänge Verein der Buchhalter und Finanzberater. Der Immobilienmarkt in Istanbul gilt seit einigen Jahren als eine der profitabelsten Anlagen weltweit.

 

140704 Istanbul Nihan Peker

 

Jetzt kann auch Nihan Peker ihre Arbeiten im Zentrum von Istanbul zeigen. Die Besitzerin eines Designer-Ladens sah die Kollektion der 25 jährige Modestilistin auf einem Defile und dachte: Das passt. Sie präsentiert in ihrem Geschäft in vier verschiedenen Räumen jedes Jahr die Mode von vier Designern.

Vom Nähsaal zur Modemetropole

Nihan Peker entwirft ihre Kleider nicht nur, sie näht sie auch selbst und entwickelt ihre eigenen Stoffe. So hat sie ein Kleid aus den Fäden gefertigt, aus denen sonst die Gebetskettchen sind, oder grob strukturierte Stoffe, die an die Arbeitskleidung der Träger im Bazar erinnern.

Die Zeiten sind vorbei, da türkische Modedesigner erst beweisen müssen, dass sie nicht irgendeine Mode aus dem Westen kopiert haben. Das war vor rund 15 Jahren, als man in Istanbul noch Kleider trug, keine Mode und die Textilindustrie vor allem preisgünstig T-Shirts fürs Ausland nähte.

Heute will Istanbul nicht mehr der Nähsaal Europas sein sondern selbst Modemetropole werden. Inzwischen gibt es einen Verband der Modedesigner und jedes Jahr eine internationale Modewoche mit dutzenden Defilees. Nihan Peker hat bereits 5 Kollektionen entworfen, zwei davon wurden in Mailand, Paris und London gezeigt. Sie hatte auch in Italien studiert, wollte dort noch ein Praktikum machen, „aber da habe ich gemerkt, was es heisst, Türkin zu sein. Es war einfach unmöglich, das nötige Visum zu bekommen“.

„Baut mir ein Museum für Picasso“

Trotz der hohen „Mauer“, die für Türken Visaantragstelle heisst: Der neue türkische Autorenfilm räumt schon seit ein paar Jahren fast überall auf der Welt Preise ab. Istanbul richtet jedes Jahr selbst ein Filmfestival mit mehreren Hunderttausend Zuschauern aus. Es gibt außerdem ein Festival der klassischen Musik, das Theater-, das Jazz- und nun auch das Operfestival – und das, obwohl es kein einziges grosses Opernhaus in der Stadt gibt. Dieses Jahr findet auch noch die 12. Kunstbiennale in Istanbul statt. Auf der letzten waren Werke von 70 Künstlern aus 60 Ländern vertreten.

 

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„Als ich 1997 anfing zu studieren, gab es vielleicht zwei Ausstellungen mit Skulpturen pro Jahr in Istanbul“ erzählt Yasam Sasmazer, die 30 jährige Bildhauerin. „Wir haben uns an der Uni oft gefragt: Wo sollen wir bloss unsere Arbeiten zeigen?“ Sie hat nach ihrem Studienabschluss alle möglichen Arbeiten angenommen, um über die Runden zu kommen, dekorative Auftragsarbeiten für Hotels z.B. Allein für das Holz für eine ihrer Skulpturen muss sie umgerechnet 1.000 Euro bezahlen. Bald darauf aber, 2005, wurde die erste Picasso-Austellung in Istanbul eröffnet. Der reicher Unternehmer Sakip Sabanci hatte der Stadt das erste Museum gestiftet, das internationalen Maßstäben standhielt. „Baut mir ein Museum, das so gut ist, dass ich dort Picasso zeigen kann“, wurde er zitiert. Inzwischen gibt es mehrere solcher Häuser.

Sothebys hat letzten Monat ein Auktionshaus in Istanbul eröffnet. Internationale Kunst wird ausserdem seit 5 Jahren auf der jährlichen Messe „Contemporary Art“ verkauft. 6 000 Besucher kamen im November am Abend der Eröffnung. Yasam Sasmazer bekam dort letztes Jahr Kontakte ins Ausland. Inzwischen hat sie ein Atelier in Berlin und verkauft dort ihre Skulpturen für rund 20.000 Euro. Beyoglu ist nachts nun hell erleuchtet und bis morgens um vier Uhr drängeln sich vor allem junge Leute, nicht wenige mit Bierdosen in der Hand denn für viele sind die Preise in den rund 4.000 Bars und Discos im Zentrum einfach zu hoch.

Es rumort in den Seitenstrassen

Istanbul, das Wirtschaftszentrum, die Filmstadt, die Modemetropole, die Residenz der Kunst und des Sports ? Wenn das so einfach wäre ! Der Besucher sieht die neue Formel 1 Rennstrecke, die restaurierte Altstadt, das verkehrsberuhigte Viertel um den Topkapi Palast und die Hagia Sofia oder die unerschwinglichen Villen am Bosporus, wenn er sich mit einem Schiff die alte Wasserstrasse hinauffahren lässt. Nur selten erlebt der Besucher aus dem Ausland, wie es in den Seitenstrassen rumort.

Im vergangenen September, nach der Sommerpause, hatten im Stadtteil Beyoglu mehrere Galerien am gleichen Abend ihre Pforten mit einer neuen Ausstellung wieder öffnet. Plötzlich überfielen etwa 30 Männer mit Stöcken und Knüppeln die Kunstinteressierten, die da zu Hunderten auf den Bürgersteigen in der lauen Sommernacht ihren Rotwein tranken. Weingläser, Brillengläser, und Schaufenster gingen zu Bruch – und auch die Hoffnung, man könne in wenigen Jahren die Bewohner eines Stadtteils geräuschlos vertreiben. Rasch war klar: Es ging den Angreifern nicht um den “unislamischen Alkoholgenuss” auf der Strasse. Die Schläger kippten selbst ganz gerne einen hinter die Binde. Es war die verzweifelte Wut einiger Anwohner, die dem unerbittlichen Druck der Mieterhöhung weichen müssen. Dabei verlieren sie nicht nur ihre Wohnung, ein über viele Jahre gewachsenes soziales Gefüge zerbricht, denn meist leben die ehemaligen Bauern eines Ortes wieder zusammen in einem Stadtviertel.

Das Viertel der Roma wurde bereits abgerissen. Drei Jahre lang protestierten sie, Eingaben wurden geschrieben, Filme gedreht, Solidaritätsadressen verfasst – vergeblich. Seit über 600 Jahren wohnten die Roma an der alten byzantinischen Stadtmauer. Fatima ist bald 60 Jahre alt.

 

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Ihr Mann ist früh gestorben. Er hat in Bars und auf Hochzeiten in einer Musikgruppe gespielt. Jetzt hat sie hat nur noch ihren Enkel. Der 18 Jährige verdingt sich als Tagelöhner und verkauft ab und an Blumen nachts im Stadtzentrum. Fatima hat Diabetes. Die Medikamente hatte ihr bisher ihr Nachbar besorgt. Er hatte ihr seine Krankenversicherungskarte immer wieder “geliehen”. Jetzt ist er weggezogen. Die ehemaligen Bewohner wurden meist in ein 40 km vor der Stadt gelegenes Quartier umgesiedelt. Und ihr Enkel? Wie soll der Arbeit finden, so weit vor der Stadt, fragt sie ? Doch im alten Romaviertel sollen künftig Touristen flanieren, es liegt ja auch noch so praktisch auf dem Weg zum Flughafen. Die “Modernisierungspläne” für drei weiterer Viertel sind schon gezeichnet. Der Bau eines mächtigen Hafens für Kreuzfahrtschiffe wird im Frühjahr ausgeschrieben.

Das grosse Chaos – bleibt aus

Aber diese “Reibereien” bei der “Modernisierung” Istanbuls erscheinen der Stadtverwaltung eher klein im Vergleich zum wuchtigsten Problem der Stadt: Ihrer schieren Grösse. Sie hat inzwischen mehr Einwohner als die meisten EU Staaten – und sie wächst in schwindelerregendem Tempo. Als in den 60iger Jahren die erste Brücke über den Bosporus geplant wurde, zögerten die Stadtväter zunächst. Sie waren sich nicht einig, ob eine Brücke überhaupt nötig sei, denn damals lebten gerade mal 1 Millionen Menschen in Istanbul. Als die Brücke 1973 eingeweiht wurde, waren es schon über 2 Mio Einwohner. 2005 zählte man dann 10 Millionen, inzwischen haben die Meldebehörden sogar 23 Mio Einwohner in ihrer Kartei, aber sie wissen nicht, wieviele umgezogen sind ohne sich abzumelden. Die Stadtverwaltung rechnet mit etwa 15 Millionen Einwohnern und einem Zuzug von rund 300.000 Menschen an den Bosporus jedes Jahr.

Welcher Verwaltung gelingt es, jedes Jahr die komplette Infrastruktur für eine Stadt von der Grösse Zürichs neu aufzubauen und zu organisieren? Auch in Istanbul gelingt das nicht. Immer wieder fällt der Strom aus oder das Wasser wird abgestellt - aber das grosse Chaos bleibt aus. Allein das ist eine grosse Leistung.

Dabei ist schon die Wasserversorgung der Stadt ist ein schier unlösbares Problem. Wo das Wasser hernehmen ? Der Oberbürgermeister Kadir Topbas, ein Mann mit dem strengen Lächeln eines Oberstudienrates, hält jedes Jahr eine Pressekonferenz zur Wasserversorgung Istanbuls ab. Man werde Wassertunnel bis nach Bulgarien graben – und Meerwasser in einer Aufbereitungsanlage zu Trinkwasser umwandeln, verspricht er immer wieder. Totzdem: In einem trockenen Sommer wie 2008 warten alle jeden Morgen auf die Meldung über den Wasserstand in den Seen um Istanbul - und auf die Warnung, wann welche Stadtteile für wieviele Stunden vom Netz genommen werden. Je rascher die Stadt ins Umland wächst, umso schneller aber werden die Ufer selbst jener Seen zugebaut, die einst als Wasserreservoir für Istanbul dienten.

15 000 km Wasserleitung

Selbst wenn es mehr als gewöhnlich regnet, wie im letzten Jahr: Die Wasserwerke sollen nicht nur ständig neue Leitungen verlegen, schon jetzt sind rund 15.000 km Rohre zu warten. Viele sind alt und brüchig. Bei manchen versickert auf dem Weg zum Waschbecken mehr als die Hälfte des Wassers im Erdreich. Das Leitungsnetz in New York ist rund 10.000 km lang. Es daure rund 110 Jahre, um das gesamte Netz zu erneuern, meinen die Fachleute dort.

30 Jahre dauert es, so Professor Mikdat Kadıoğlu von der Technischen Universtität in Istanbul, um die oft liederlich gebauten Häuser, Kliniken und Schulen in der Stadt v or den Folgen eines Erdbebens zu sichern. Der Mann weiss, wovon er spricht, er gehört zum Katastrophenstab Istanbuls. Wenn er aus seinem Bürofenster schaut, blickt er auf viele ungepflegte Betonbauten, die wahrscheinlich nie einen ernsthaften Statiker gesehen haben.

 

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Über 50 % aller Gebäude in der Stadt seien schwarz, d.h. ohne behördliche Genehmigung gebaut. Nach den Unterlagen des Professors müssten in nur einem Stadtteil, in Fatih, dem alten Viertel innerhalb der Stadtmauer, 38.500 Gebäude saniert werden, um sie vor einem Einsturz bei einem schweren Erdbeben zu schützen. Das werde die Stadt insgesamt 17 Mrd USD kosten, so seine vorsichtige Schätzung. Wenn nichts geschieht, dann werden mindestens 150 000 Menschen ums Leben kommen. Die zerstörten Viertel wieder aufzubauen werde dann wahrscheinlich 40 Mrd USD kosten. Einig sind sich nämlich alle Erdbebenforscher: Im Lauf der nächsten 30 Jahre erlebt Istanbul ein Erdbeben mindestens der Stärke 7, ob Morgen oder in 30 Jahren weiss keiner.

Jeden Tag 600 Autos mehr

Schwarzbauten, die, meist vor einer Kommunalwahl von den Behörden schliesslich legalisiert wurden, sind auch das große Problem beim Verkehr. Die Stadt wuchs ohne jeden Plan. Nachträglich zwischen den wild wuchernden Wohnvierteln eine vernünftige Verkehrsverbindung zu schaffen ist schwer. 80 % der Bewohner von Istanbul halten den Verkehr für das grösste Problem in der Stadt. Die Urlauber finden den Bosporus besonders reizvoll. Die Verkehrsplaner stellt er vor besondere Herausforderungen. Täglich pendeln rund 1,5 Mio Menschen zwischen Europa und Asien übers Wasser. Eine Schienenverbindung gibt es nicht.

Die beiden Brücken über den Bosporus sind ursprünglich für rund 210 tsd Fahrzeuge pro Tag ausgelegt. Jetzt fahren täglich bis zu 460 tsd Fahrzeuge darüber. Der Stau in der Stadt auf allen Zufahrtsstrassen zur den beiden Brücken ist damit programmiert. Der Tunnel, der für eine Schienenverbindung 2013 in Betrieb genommen werden soll, wird diese Staus nicht auflösen. Auch die geplante dritte Brücke nicht, denn in wenigen Jahren werden rund 600.000 Fahrzeuge täglich zwischen Asien und Europa pendeln, so die Verkehrsexperten. Die meisten Istanbuler haben (noch) kein Auto. In Paris gibt es schon fünf Mal soviele Fahrzeuge. Zur Zeit, so kürzlich der Oberbürgermeister, zählen wir jeden Tag 600 neue Fahrzeuge auf Istanbuls Strassen.

Von der Strasse aufs Wasser ausweichen ? Fehlanzeige ! Die Stadtverwaltung kann nicht einfach mehr Fährschiffe zwischen Europa und Asien einsetzen, denn schon jetzt passieren jeden Monat 4 500 Frachter die Wasserstrasse zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer. Mehr geht nicht. Die Türkei hat sich 1936 in einem internationalen Abkommen verpflichtet, alle Handelschiffe unkontrolliert passieren zu lassen, auch wenn sie Giftiges oder Hochexplosives geladen haben. So werden jedes Jahr allein 100 Mio Tonnen Rohöl mitten durch die Stadt geschippert. Trotz eines modernen Radarsystems schrammt Istanbul fast jedes Jahr an einer Beinahe-Katastrophe vorbei.

Der zweite Bosporus und das zweite Istanbul

“Kein Problem ! Das regeln wir schon !” – Es ist ein Spruch, den jeder neue “Istanbuler” in scheinbar aussichtsloser Lage hunderte Mal hört und der ihn auf die Palme treibt. Aber wahrscheinlich kann man auf Dauer nur mit hartnäckigem Optimismus in dieser Stadt leben. Noch im Februar soll der historische Durchbruch unter dem Bosporus gefeiert werden. Der Rohbau des ersten Tunnels, der zwei Kontinente miteinander verbindet, wird fertig. Ab 2013 wird der Reisende mit dem Zug von London über Paris und Istanbul bis nach Teheran – später sogar bis nach Peking - fahren können. Schon will der der Verkehrsminister Binali Yildirim eine zweite Unterführung unter dem Bosporus graben lassen.

Der Plan für die dritte Brücke über den Bosporus ist bereits fertig. Damit aber werde nur die vierte Brücke gerechtfertigt, warnen die Umweltschützer. Der Bau eines dritten Flughafens für Istanbul ist bereits in Vorbereitung. Inzwischen entwerfen Ingenieure sogar einen “zweiten Bosporus”. Für 20 Mrd USD könnte eine neue Wasserstrasse zwischen dem Marmarameer und dem Schwarzen Meer gegraben werden, meinen sie. Nur so werde man die wachsende Zahl der Handelsschiffe und Tanker bewältigen. Tayyip Erdogan hatte schon in den 90iger Jahren einen ähnlichen Plan erwogen. Damals war er noch Bürgermeister von Istanbul.

Nun ist er Regierungschef in Ankara. Von dort aus soll er vor wenigen Monaten ein weiteres Mega-Projekt für Istanbul angestossen haben. An der Universität in Michigan, USA, sitzen Planer über Zeichnungen für ein “Neues Istanbul”, wenige Kilometer vom “alten Istanbul” entfernt am Schwarzen Meer. Sie brüten über einer nagelneuen Trabantenstadt auf 75 Mio Quadratmetern für rd 3,5 Millionen Einwohner.

Istanbul öffnet sich

Tayyip Erdogan selbst hat sich aber im “alten” Istanbul ein paar Gebäude des Dolmabahce Sultan-Palastes zu einem zweiten Regierungssitz umbauen lassen. Die türkische Zentralbank soll demnächst dauerhaft von Ankara an den Bosporus umziehen. Die Stadt will zum ersten Finanzplatz zwischen Europa und dem Mittleren Orient werden. Es sei einer der wenigen Orte der Welt, der die Globalisierung nicht erlebt, sondern an dem Globalisierung gemacht wird, meinen Finanzexperten in London. Alle Medien haben ihren Sitz in Istanbul – und allenfalls ein zweites Büro in der Hauptstadt Ankara, die grossen Industriebetriebe sowieso. Inzwischen geht gut die Hälfte des türkischen Exports vom Bosporus aus in die Welt, und auch die Hälfte aller Steuern des Landes werden hier bezahlt.

Je mehr sich die Stadt nach aussen öffnet, umso mehr rühren sich auch die Bürger. Bürgerinitiativen, ein ganz neues Wort im Türkischen, wehren sich gegen das Abholzen von Bäumen, gegen ein sog. „liberales“ Waffengesetz oder die strengen Regeln im Studentinnen-Wohnheim. Auch das Wort Denkmalschutz ist seit einigen Jahren kein Fremdwort mehr. Künstler Wissenschaftler und Architekten erinnern sich der Geschichte der Stadt. Was wäre Istanbul ohne die Armenier, ohne die griechische Architektur - solche Fragen waren vor 10 Jahren noch Tabu. Heute sind sie Titel von Ausstellungen in den Museen am Bosporus. Istanbul wir Unterrichtsstoff an den türkischen Schulen, ist Schauplatz für deutsche Krimiserien, es entwickelt sich zum Zentrum für Gesundheitstouristen aus aller Welt, die in der Stadt preisgünstig neue Zähne und Brillen erstehen oder sich Fett absaugen lassen, und nun will sich die Istanbul auch für die Olympischen Spiele 2020 bewerben.

Istanbul, sagt die türkische Dichterin Gülten Akin, ist mehr als ein Teil der Türkei. Es war der Sitz von 88 byzantinischen Kaisern und 36 osmanischen Sultanen, es hat rund 40 Erdbeben und 60 Feuersbrünste überstanden, etwa ein Dutzend Belagerungen, die Plünderung durch die Kreuzfahrer, die Eroberung durch die osmanischen Reiter und die Besetzung durch die Truppen Grossbritanniens, eine Revolution, drei Putsche des Militärs und die Bomben islamistischer Terroristen. Istanbul, meint sie, ist ein Land ohne Hauptstadt.

 

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Artikel Januar 2011