Es sieht alles so schön bunt aus an einem türkischen Zeitungskiosk – dabei ist es tatsächlich eher einfarbig und schon gar nicht rot. So etwas wie die türkische Zeitungslandschaft gibt es selten.

 

Die Türkei hat bald so viele Einwohner wie Deutschland, aber am Bosporus teilen sich 38 türkische Zeitungen insgesamt eine Auflage von gerade mal 4,9 Millionen, das ist soviel, wie allein die deutsche Bildzeitung in guten Zeiten täglich verkauft wurde. Dabei beherrscht ein Falke, Aydin Dogan (Dogan heisst zu deutsch: Der Falke), mit seinen 8 Tageszeitungen und 22 Magazinen die Hälfte dieser Auflage und rund zwei Drittel der gesamten Anzeigenerlöse. Vor ihm knickt sogar der Regierungsschef Tayyip Erdogan ein. Noch vor kurzem zog Erdogan gegen Aydin Dogan öffentlich in eine Schlammschlacht und drohte dem Zeitungsmann wochenlang mit vernichtenden Enthüllungen über dessen Holding – und dann war plötzlich Stille. Kurz darauf liess sich der Regierungschef auf einer Hochzeit fotografieren, wie er artig Aydin Dogan die Hand schüttelte. Im Ausland geht ohne Aydin Dogan gar nichts. Er kontrolliert praktisch die gesamte türkische Presse, die im Ausland erhältlich ist und mit 18 TV Sendern noch viel mehr. Also wird er auch in Deutschland mit Preisen überschüttet, zuletzt erhielt er vor zwei Monaten im Kreise von rund 1000 handverlesenen Prominenten die „Goldene Viktoria“, das ist der Preis der deutschen Zeitschriftenverleger. Die Laudatio hielt kein geringerer als der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble, der ja bei der neuen „Integrationspolitik“ der deutschen Regierung besonders auf wohlwollende Berichterstattung in der türkischen Presse angewiesen ist, denn die wird auch von den Türken in Deutschland mehr gelesen, als die Deutsche.

Gelesen wird in der Türkei sowieso wenig, je jünger, je weniger, vielleicht auch, weil das Angebot ermüdend eintönig ist. Liest in Deutschland jeder zweite Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren eine Zeitung, so in der Türkei nur jeder Dritte Jugendliche, und das nach einer Umfrage unter Jugendlichen nur in der türkischen Hauptstadt Ankara, also unter Jugendlichen einer besonders „westlichen“ Grosstadt der Türkei. Mehr als die Hälfte dieser jungen Zeitungsleser in Ankara schlägt übrigens überhaupt nur den Sportteil auf.

Sogenannte „linke“ Tageszeitungen gibt es gerade mal 2 – mit einer Gesamtauflage von rund 15.000. Dazu kommen noch zwei Blätter, die sich „liberal“ nennen lassen mit einer Gesamtauflage von rund 70.000 Tausend – und damit ist die Vielfalt der türkischen Presselandschaft auch schon umfassend beschrieben. Daneben werden 92 „sozialistische“ und 19 „kurdisch-sozialistische“ Parteiorgane in unbekannter Auflage unter die Leute gebracht, von diesen 92 „sozialistischen“ Parteiorganen sind 31 illegal, von den 19 „kurdisch-sozialistischen“ sind sogar 13 illegal.

Illegal ist sowieso das passende Adjektiv, wenn man sich in der türkischen Presselandschaft umsieht. Die Türkei ist einer der vier Staaten der Erde, der den Internetzugang zu Youtube gesperrt hat (weil dort ein beleidigender Beitrag über den Staatsgründer Atatürk zu sehen ist). Seit November 2007 wurden ausserdem weitere 1.187 Internetseiten gesperrt, die meisten zum „Schutz der Jugend, Familie und Kinder“, sagt das zuständige Ministerium.

Noch immer leidet der Journalismus des Landes unter den Folgen des Militärputsches vor knapp 30 Jahren. Damals wurde gegen 400 Journalisten Gefängnisstrafen von insgesamt 3.315 Jahren verhängt. Noch vor 10 Jahren sassen 129 Menschen im Gefängnis, nur weil sie eine Meinung vertreten hatten, die dem offiziellen Sprachgebrauch zuwider lief. Erst im Mail vergangenen Jahres wurde der bekannteste Knebelparagraf 301 leicht verändert. Danach kann nur noch mit Genehmigung des Justizminsters ein Verfahren eröffnet werden. Die Bilanz: Seither beantragten die Staatsanwälte 381 Mal die Erlaubnis für solch einen Prozess, 47 Mal erteilte der Justizminister die Genehmigung. Noch während der bekannte „Meinungsparagraf 301“ „reformiert“ wurde, stürmte eine Hundertschaft der Polizei ein munteres Magazin mit dem Namen „Nokta“. Die Zeitschrift hatte sich nämlich erdreistet, die Tagebücher eines Generals abzudrucken, der dort in allen Einzelheiten beschreibt, wie er mit seinen Kumpanen in der Armee im Jahre 2004 einen Putsch vorbereitete. Daraufhin wurde nicht der General angeklagt, sondern das Magazin, das immerhin 25 Jahre auf dem Markt war, verboten.