Die Atmosphäre in der Kunst- und Kulturszene und der Wissenschaft am Bosporus ändert sich. Immer häufiger ersetzt zenrale Kontrolle und Maßregelung kreative Vielfalt.

 Was für ein Aufreger! Das stellt sich dieser türkische Präsident Tayyip Erdogan in Ankara einen Palast hin, größer als das Weisse Haus in Washington ! Was hätte man mit diesem Geld nicht alles machen können?! 137 Schulen, ruft die Opposition in Ankara! Die Weltpresse ist entrüstet – allen voran die deutsche. Dabei kostet das neue Präsidialamt in Ankara gerade mal halb soviel wie das Konzerthauses in Hamburg (Elbphilharmonie) – oder die Sanierung der Deutschen Oper in Berlin, nur, dass die bislang nur viel kosten und keiner weiß, wann sie fertig werden.


Doch die Kritik am neuen „AK Saray", dem Weissen Haus in Ankara hat am Bosporus auch einen nachvollziehbaren Hintergrund. Mancher fragt sich: Steht da nur ein neues Präsidialamt, oder vielleicht auch ein überdimensionales Kontrollzentrum, das jeden sofort zurück in die Reihe zwingt, der einen Schritt vom Pfad abweicht, den die Regierung - oder richtiger: Tayyip Erdogan - vorgibt? Die Stimmung ist gereizt.


Vor wenigen Tagen in Ankara organisiert die Gewerkschaft HAK-Is ein Kurzfilmfestival – und verlieh dort dem Regisseur Suat Eroglu den ersten Preis. In seiner Dankesrede erlaubte sich der Regisseur auch einen kritischen Satz über die AKP Regierung. Als er danach vom Podium stieg, schlug ihm ein AKP Mitglied deshalb ins Gesicht. Der Vorfall wäre nicht erwähnenswert, wenn er nicht ein Beispiel wäre, wie sich die Atmosphäre gerade in der Kunst- und Kulturszene und der Wissenschaft am Bosporus Zug um Zug ändert.

 

Vor knapp drei Wochen erließ das Ministerium außerdem einen Dress-Code für die Staatsoper und das Ballett. Danach sollen keine eng anliegenden Jeans mehr getragen werden, oder ärmellose T-Shirts, Shorts, Sandalen oder Stöckelschuhe. Als es daraufhin zu Protest kam, erklärten die Verantwortlichen, das gelte nur für die Verwaltungsangestellten der Oper, nicht für die Künstler.


„Früher wurde im Fernsehen sogar so eine Sendung wie „Tutti Frutti" gezeigt. Heute trauen wir uns auf der Bühne nicht einmal ein Kostüm mit einem Ausschnitt anzuziehen", beklagte sich vor einiger Zeit die in der Türkei prominente Schauspielerin Beren Saat (30) in der Presse. „Wir nehmen auch bei Proben nichts in die Hand, was wie ein Weinglas aussehen könnte". Die TV Moderatorin Gözde Kansu wurde Ende letzten Jahres beim Fernsehsender ATV gefeuert, weil sie eine Sendung mit einem tief ausgeschnittenen Kleid präsentiert hatte. Huseyin Celik, damals stellvertretender AKP Vorsitzender, war empört. „Gestern hatte sich eine Fernsehmoderatorin unmöglich gekleidet. Wir mischen uns nicht in die Lebensweisen anderen Menschen ein. Aber das ist zu viel !" so kündigte er die Entlassung der Moderation in einem Interview an.


Die Moral der Regierenden regiert bald überall. Wer heute internationale Filme im türkischen Fernsehen sieht – sieht manchmal garnichts. Seit Einführung des Rauchverbotes 2008 werden in allen Filmen alle Szenen gepixelt, in denen ein Schauspieler eine Zigarette in der Hand hält oder eine Schachtel Zigaretten zu sehen ist. Inzwischen gilt das auch für alle Szenen, in denen alkoholische Getränke zu sehen sind, oder nackte Haut, oder unerwünschte Werbung .


Landesweit wurde vor nicht allzulanger Zeit die 19. Ausgabe des Theatermagazins Mimesis eingesammelt und eingestampft weil dort "obszöne Bilder" aus dem Jahr 500 vor Chr. abgedruckt worden waren


In Istanbul wurde vergangenen Monat die Premiere eines Stückes über Johann Wolfgang Goethe am Istanbuler Staatstheater abgesagt. Weil in einer Szene Sätze vorkamen wie "Ich will mit dir schlafen" – schritt das Kulturministerium ein. Der Theaterdirektor Mustafa Kurt sollte die Premiere verschieben, bis sich die Behörde überzeugt hatte, dass der Text geändert worden war, berichtete die Zeitung Hurriyet. Der Direktor warf daraufhin das Handtuch und trat auch von seinem Posten als Leiter des Staatstheates zurück.
An seiner Stelle wurde dann auf Anweisung des Kulturministeriums der Schauspieler Nejat Birecik zum Leiter des Staatstheaters bestimmt – obwohl die meisten Kulturstiftungen und Vereinigungen der Schauspieler, Tänzer und Staatstheater diese Personalentscheidung heftig kritisieren. Nejat Birecik gilt als stromlinienförmiger Befürworter staatlicher Kulturpolitik. Er unterstützt u.a. einen Gesetzentwurf, das dem sog. "Kunst-Rat der Türkei" (TÜSAK) bei der Beurteilung aller Kulturprojekte des Landes als zentrale Instanz das letzte Wort gibt.


Immer häufiger ersetzt zenrale Kontrolle und Maßregelung kreative Vielfalt. So strich der Kulturminister vergangenen Monat die Werke des international bekannten Pianisten Fazil Say aus dem Repertoire des Symphonie-Orchesters in Ankara. Der Künstler hatte sich schon mehrmals als Kritiker der AKP Regierung zu Wort gemeldet.
Die VakifBank will seit März dieses Jahres nicht mehr Sponsor der Vereinigung der Türkischen Photojournalisten sein. Die Jury der Photojournalisten hatten nämlich ein Photo zum "Bild des Jahres" gewählt ( 'die Frau in rot'), das im ganzen Land zum Symbol für brutalen Polizeieinsatz gegen die Gezi-Proteste geworden war.
Wer Geld für sein Projekt erhält – und wer nicht: In einem Land, in dem ausschliesslich der Staat und zahlungskräftige Firmen und Banken, die meist auch von Staatsaufträgen abhängen, die Vorhaben von Kulturschaffenden finanzieren, ist das ein effektiver Hebel.


So wurde Ende letzten Jahres bekannt, eine Jury des Kulturministeriums habe rund 40 Schrifsteller der Türkei mit rund 500.000 TL ( rd 180 tsd Euro ) unterstützt,. Dabei wurden weder die Namen der Jurymitglieder und nicht einmal die Namen der so geehrten Schriftsteller veröffentlicht.


Für Filmprojekte gibt es bis zu 1,5 Mio TL vom Staat. Beim Filmfestival in Antalya, das von der AKP Stadtverwaltung mitfinanziert wird, kippte die Jury einen Dokumentarfilm über die Gezi-Proteste aus dem Wettbewerb, obwohl der zuvor in Istanbul auf dem Filmfestival bereits gezeigt worden war und danach offiziell zum Wettbewerb nach Antalya eingeladen worden war. In dieser Jury saßen Prominente der Branche wie die Produzentin des türkischen Regisseurs Nuri Bilgi Ceylan. Eine öffentliche Debatte über Selbstzensur begann. Die Jurymitglieder hätten wohl Angst, man kürze ihnen beim nächsten Filmprojekt die staatliche Förderung. Schlieslich sollte die Dokumentation doch gezeigt werden, wenn "nur" eine kritische Bemerkung über Tayyip Erdogan geändert werde. Daraufhin verliessen 11 Jurymitglieder verschiedener anderer Wettbewerbe das Filmfest.


Auch Studenten und Dozenten an den Hochschulen müssen sich mehr und mehr vorsehen. Seit diesem Sommer gelten neue Vorschriften für die Verwaltung der staatlichen Studentheime. Danach wird ein Student, der z.B. die Hochschulpolitik der Regierung in der Zeitung, dem Fernsehen oder sozialen Medien (!) kritisiert, zunächst verwarnt. Danach kann er sein Zimmer im Studentenwohnheim verlieren. Um die lückenlose Kontrolle der Studenten vor Ort sicherzustellen, ist nach den neuen Regeln sogar die Schliessung des gesamten Wohnheimes möglich.


Als ein Dozent an der Universität in Antalya im Juni seine Vorlesung mit der Information begann, der Jugendliche Berkin Elvan, der bei den Gezi-Protesten ein Jahr zuvor schwer verletzt worden war, sei nun im Krankenhaus gestorben, liess der Rektor der Uni ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleiten. Kurz zuvor hatte der zentrale Hochschulrat YÖK drei Professoren entlassen, weil sie öffentlich über "undemokratische Maßnahmen" der Regierung gesprochen hatten.
Dozenten beklagen sich mittlerweile, in Prüfungen seien mittlerweile Fragen zu etlichen Themen nicht mehr ratsam, Fragen zu Beziehungen zwischen Mann und Frau, zu Sexualität oder auch Fragen zu "Bäumen" (Gezi-Park).


All das sind Einzelfälle, aber die Zahl der Einzelfälle verdichtet sich zu einem Netz . Ein Blogger vom Bosporus fragt im Sommer: Welche Türkei willst du? Stell dir vor, du kannst alle Türken loswerden, die nicht so sind, wie du. Stell dir vor, du lebst in einer Türkei, in der nur Türken leben, die so sind wie du. Ich frage dich allen Ernstes: Glaubst du wirklich, du findest dort deinen Frieden?