Nach und nach ändert sich die Atmosphäre in der Türkei und in Istanbul. Nicht erst seit dem Putschversuch. Manchmal sind es „Kleinigkeiten“ – aber dabei bleibt es nicht.


Früher, in den 90iger Jahren, wenn ich in Deutschland war und erzählte, dass ich in Istanbul wohne, hatte ich sofort das Mitleid auf meiner Seite: Wirklich?! Du lebst in Istanbul?! Ach Gott! Magst du dich nicht setzen?! Kann ich dir was zu trinken anbieten ... Später, so nach 2005, hörte ich dann: Hey! Du lebst in Istanbul?! Super – da wollte ich auch immer mal hin! Heute fragt man mich: Istanbul? Was willst du denn da?! Pass bloß auf dich auf!


Was für Veränderungen! Zuerst hörte man ständig vom „kranken Mann am Bosporus“ und wie grob er sich aufführt. Später war Istanbul dann „ rasend schön“, ein „Schaufenster der modernen Türkei“, das „New York des Orients“, das „neue London Europas“ – und heute klagt man am Bosporus mit dem Wort: „Draußen tragen wir jetzt Kopftuch“.


Es sind nicht nur großen Ereignisse, der Putschversuch, die Razzien mit hunderten Polizisten oder die grausigen Attentate, die alles verändern. Es sind die vielen kleinen Umbrüche, die neuen Tabus, Verbote und Weisungen, über die sich einer kurz aufregt und der andere sagt: Ja gut, das ist nicht schön, meine Welt ist das nicht, aber es ist auch nicht der Weltuntergang . Aber dann wird aus der neuen Gepflogenheit Gewohnheit und schließlich Gesetz.


Ab sofort dürfen z.B. Frauen bei der Polizei auch Kopftuch tragen – und Männer Bärte. Der Verwaltungsgerichtshof hatte diese Anordnung des türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan bestätigt. Es gab keine Zeitung ohne das Foto: Die erste Polizistin mit Kopftuch. Nur ein Kommentator (Mehmet Yilmaz, 31.08.) gab zu bedenken: Eigentlich könnte das ein Zeichen für Gleichberechtigung sein. Doch er befürchte, bald werde keine Frau mehr Polizistin werden, wenn sie kein Kopftuch trage.


Man hat sich daran gewöhnt, dass die Welt, die in der Zeitung oder in den TV-Nachrichten immer seltener mit der eigenen Welt zusammenpasst. Überall schließen große Marken-Geschäfte, jetzt hat sogar Burger-King im Stadtzentrum zugemacht – aber in der Zeitung steht, die Regierung sieht nicht den Hauch eines Wirtschaftsproblems. Der Staatspräsident meint, die Türkei sei weltweit führend in Sachen Pressefreiheit, Amerika sei nicht von Kolumbus sondern von Moslems entdeckt und kein islamischer Staat könne je einen Terrorakt begehen – und keiner widerspricht.


Man hat sich daran gewöhnt, dass im Fernsehen jeder, der in einem Film eine Zigarette raucht, zugepixelt wird. Dann wurden die Whisky-Gläser und Weingläser auch zugepixelt, ‚zuviel’ nackte Haut sowieso, wenn also einer an der Bar steht und eine Zigarette raucht, und neben ihm eine tief dekolltierte Schöne Platz nimmt, dann sieht der türkische Zuschauer fast gar nichts mehr – aber das ist inzwischen „normal“.


2012 gab es noch presseweit Protest, als in Izmir aus deiner Fotoausstellung drei Fotos wegzensiert wurden, die eine Frau im Bikini, und ein Männer- und ein Frauenpaar zeigten, die sich küssten. Inzwischen überkleben die Antiquitätenhändler sogar im „Vergnügungsviertel“ Beyoglu in Istanbul nackte Haut selbst auf alten Ölschinken mit Paketband (siehe Bild).

 

2012 hatte das Oberste Berufungsgericht sogar einen Verleger und Übersetzer des französischen Schriftstellers Guillaume Apollinaires (1880-1918) zu einer Haftstrafe verurteilt, weil das Buch detailliert „unnatürlichen Geschlechtsverkehr“ beschreibe, ohne dabei irgendeine „Form von Handlungsverlauf“ aufzuweisen. 2 Jahre später verbot der Kultusminister Liebesszenen in einem Stück über Goethe. Da gab es schon kaum mehr Widerstand. Danach wurden die Schulbücher für die Grundschulen überarbeitet, und eindeutige Darstellungen des menschlichen Körpers durch niedliche Tierbilder ersetzt. Im November letzten Jahres rief die Türkische Anstalt für Wissenschaftliche und Technologische Forschung TÜBİTAK (Türkiye Bilimsel ve Teknolojik Araştırma Kurumu) schließlich dazu auf, 50.000 Bücher zu “überprüfen”, ob es sich dabei nicht um “untürkische” Machwerke handele. An den Theatern sind in der neuen Spielzeit nun alle Stücke ausländischer Dramaturgen aus den Spielplänen entfernt. Selbst von den mächtigen Wirtschaftsbossen, den großen Mäzenen der Kunst am Bosporus, hört man dazu kein Wort. Auch sie tragen Kopftuch.


Schon 2013 erzählten Schauspieler, in ausländischen Stücken würden die Szenen verändert, in denen man sonst alkoholische Getränke in der Hand hielt. Die jungen Leute, die früher am Wochenende ihr Bier in Beyoglu auf der Straße tranken, weil der Eintrittspreis für die Bars unverschämt hoch war, sind verschwunden – und viele Bars auch. Der Verkauf von Alkohol ist auf den meisten Konzerten nun untersagt, egal ob es sich um ein Popkonzert handelt oder klassische Musik gespielt wird. Der öffentliche Verkauf von Alkohol war seit letztem Jahr abends ab 22 Uhr verboten. Mittlerweile findet man auch in Supermärkten in der Stadt immer seltener das Regal, in dem einst die Efes-Bierflaschen standen.


Lehrer erzählen, dass sie bei Prüfungen grübeln, was sie noch fragen können, denn alles was mit „Mann/Frau/Paar“, was mit „Nachtleben“ oder ähnlichen Themen zu tun hat, die mit der Lebenswelt Jugendlicher zu tun hat, sei „nicht empfehlenswert“. In der Schulkantine spricht man jetzt häufiger über das Wetter als früher. Keiner wolle was „Falsches“ sagen. Schon gar nicht über die Anweisung, alle Schüler einen Aufsatz schreiben zu lassen: Was haben deine Eltern in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli gemacht (die Nacht des Militärputsches). Von neuen Kollegen hält man sich lieber fern, man weiß ja nicht, wer die weswegen eingestellt hat. Man trägt lieber „Kopftuch“. Nicht wenige haben ihren account bei Facebook gelöscht. Sie debattieren auch nicht über die rasante Zunahme von religiösen Schulen oder über den Plan, gemeinsame Schulen von Jungen und Mädchen vielleicht abzuschaffen. Gebetsräume in den Schulen sind schon seit einem Jahr Vorschrift – ein Raum für Erste Hilfe aber nicht.

Man hat sich daran gewöhnt, dass jeden Tag zwei, fünf oder 10 Menschen bei Sprengfallen, Attentaten oder Gefechten sterben. Früher wurden die Namen der Toten oder Verwundeten in der Zeitung genannt. Manchmal sah man ihre Fotos, las Geschichten ihrer Familie und sah im Fernsehen die Trauer der Angehörigen bei der Beerdigung. Jetzt sind es meist nur noch kleine Meldungen auf Seite soundso. Ab und an findet man solch eine Nachricht überhaupt nur im Internet.


Man gewöhnt sich daran, dass überall die Gewalt zunimmt: Da schlägt ein Mann in Istanbul bei einem nichtigen Disput in einem Bus dem Busfahrer mit dem Regenschirm solange auf den Kopf, dass der die Kontrolle über das Fahrzeug verliert: Zehn Menschen werden verletzt. Ein Gast in Istanbul erschlägt einen Restaurantbesitzer, weil er mit der Rechnung nicht einverstanden ist. In der Stadt Bursa wird eine Frau niedergeschlagen, weil sie kurze Hosen trug. In der Stadt Yükesekova streiten sich zwei wegen einer Rechnung. Es kommt zur Schlägerei zwischen zwei Gruppen, die Polizei kommt und schiesst: 4 Tote, 2 Verletzte. In der Stadt Urfa attackieren Einwohner Urlauber aus dem Fernen Osten: Was wollt ihr hier, haut ab!

Das sind alles Einzelfälle. Sie alle sind in den letzten Tagen passiert. Manchmal geht es nur um Kleinigkeit, hier und dort ändert sich nur wenig - und doch ist irgendwann fast alles anders.